Die liebste Wahl der Medien: die Kampfabstimmung

Kampfabstimmungen über Kampfabstimmungen. Egal ob es wie jüngst um die Spitzenkandidatur der Grünen für die Europawahl ging oder um den Leitantrag zum Europawahlprogramm der Linkspartei (in diesem Fall wurde letztlich gar nicht kämpferisch abgestimmt), der martialisch anmutende Terminus erfreut sich in den Medien inflationärer Beliebtheit. Dabei muss es nicht um das Wohl und Wehe Europas gehen, nein, auch der Murnauer Gemeinderat steuert in der strittigen Frage, ob der Kemmelpark noch mehr Einzelhandel verträgt, auf eine Kampfabstimmung zu. Im gemeinhin friedlichen Tegernseer Land hingegen sorgte selbige bereits für die Entscheidung. Der Gmunder Gemeinderat favorisierte nämlich bei der Namenswahl für eine neue Straße „Am Hoffeld“. „Am Obstgarten“ unterlag in diesem Kampf.

Nun, warum Aufhebens machen wegen eines einzelnen Wortes? Wikipedia bringt es auf den Punkt: „Auch wenn Abstimmungen in einer Demokratie das übliche Mittel der Entscheidungsfindung sind, sind Kampfabstimmungen in Parteien die Ausnahme. … Eine Partei, die in inhaltlichen Fragen tief gespalten ist, ist im Parteienwettbewerb benachteiligt. In der Öffentlichkeit werden Kampfabstimmungen imageschädigend als Zeichen der Zerstrittenheit gewertet.“ Und darin liegt das Problem des Begriffs: Er suggeriert Zwist und Streit (deswegen verwenden ihn Journalisten ja so gerne), was beim konsens- und harmoniesüchtigen deutschen Wähler schlecht ankommt, für den die Geschlossenheit einer Partei ein sehr hohes Gut ist. Parteien, die vor einer Wahl über Inhalte und Führungspersonal kontrovers diskutieren, werden in Deutschland in aller Regel an der Urne abgestraft. Ein solch einseitiges Demokratieverständnis ist zumindest problematisch, denn unterschiedliche Meinungen, die sich in Voten widerspiegeln, gehören zum Wesen der Demokratie und sind das Salz in der Suppe. Dabei unterscheidet sich die Kampfabstimmung von der allgemeinen Abstimmung lediglich dadurch, dass der Ausgang offen ist. Und so etwas soll selbst in einer gut durchorganisierten Parteiendemokratie gelegentlich vorkommen.

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Hollywood went Bosporus

Integration mal andersherum bietet eine neue Gruppe in Berlin, für die ich hier ein wenig die Werbetrommel rühren möchte. Denn das erste Treffen von „Turkish for Hipsters“ machte dem originellen Namen alle Ehre. Witzige Youtube-Clips zeigten, wie bekannte US-Action- und Science Fiction-Streifen in den 60er und 70er Jahren in türkische Pendants verwandelt wurden. Die Anpassung Hollywoods an die Filmwelt am Bosporus: ein Beispiel geglückter Integration! Wer z.B. auf den türkischen Spiderman, Mr. Spock, Rambo und die schröckliche Entscheidungsschlacht in Krieg der Sterne gespannt ist, wird hier fündig. Zurücklehnen und genießen!

Stärken und Schwächen von Musik-Streaming-Diensten

Google startete im Dezember in Deutschland Google Play Music „All-Inclusive“. An der Pressekonferenz dazu nahm ich damals teil und testete seitdem mit Interesse den Streaming-Dienst. Google greift damit insbesondere den bisherigen Platzhirschen Spotify an. Spotify höre ich seit längerem, so dass ich auf den Vergleich gespannt war. Mein Fazit: Beide Angebote unterscheiden sich nur wenig voneinander. Ihre Palette der Künstler und Alben ist sehr weit gefächert und die Klangqualität ist sehr gut. In den allermeisten Fällen wurde ich bei der Suche fündig. Der Vorteil von All-Inclusive ist, dass man die eigene Musiksammlung (bis zu 20.000 Titel!) in Googles Cloud hochladen kann. Spotify finde ich in der Bedienung ein wenig praktischer und einfacher. Zudem ist es bereits ab 4,99 Euro pro Monat erhältlich, während Googles Produkt 9,99 Euro kostet. Spotify kann man auch kostenlos hören. Es nervt einen aber mit häufig eingespielten lauten Jingles zur Eigenwerbung so lange, bis man „gerne“ das Abo abschließt. Ob man sich dabei wohl fühlt, dem nach digitaler Allmacht strebenden Google-Konzern nun auch noch den eigenen Musikgeschmack zur möglichen Datenverwertung und -kommerzialisierung minutiös mitzuteilen, bleibt natürlich jedem überlassen. Ich habe mich schon aus diesem Grund entschieden, künftig nur noch Spotify zu nutzen, wobei es auch an dessen Datenschutz und Vergütungsmodell für die Künstler Kritik gab und gibt.

Ganz andere Stärken und Schwächen hat last.fm. Seine Kostenlos-Version ist ein ansprechendes Angebot. Größter Vorteil ist die viel größere Auswahl an Stilen, unter denen man wählen kann. Hier dürfte jeder fündig werden, denn nicht nur für die Hörer gängiger Genres wie Rock, Pop und Klassik werden Radiostationen offeriert, sondern auch die Fans von „Apocalyptic Folk“, „World Fusion“ oder „Asian Underground“ kommen auf ihre Kosten. Last.fm ist ideal, wenn man Musik abseits des Mainstreams entdecken will. Interessant finde ich auch die Infos, die zum jeweiligen Künstler gezeigt werden. Ein großer Nachteil ist jedoch, dass man in der aktuellen Beta-Version nur Lieder gezielt finden und anhören kann, wenn es ein Youtube-Video dazu gibt, das dann abgespielt wird.

Ein gemeinsamer Nachteil der Streaming-Dienste gegenüber CDs und dem einmaligen Herunterladen von Liedern ist die Tatsache, dass diese Art des Musikgenusses leider klimaschädlich ist. Denn die gigantische Datenübertragung, die dabei weltweit anfällt, führt zu einem sehr hohen CO2-Ausstoß. So entspricht der Strombedarf eines großen Google-Rechenzentrums dem einer Kleinstadt. Vielen ist diese Schattenseite des bequemen und beliebten Audio- und Video-Streamings zu wenig bewusst.

Wie sind Ihre Erfahrungen und Beurteilungen dieser oder anderer Plattformen?

Wen Lanz aussprechen lässt und wen nicht

In der Aufregung um den Umgang von Markus Lanz mit Sarah Wagenknecht und die sich daraus speisende Online-Petition gegen den ZDF-Talker (derzeitiger Stand: immerhin über 226.000 Stimmen) kommt eine interessante Statistik zu kurz, die der Blogger Stefan Niggemeier erhoben hat und die in diesem Zusammenhang erhellend ist. Danach hat Lanz 2013 bis zur Bundestagswahl so viele FDP-Politiker als Talk-Gäste eingeladen, dass die Liberalen im Vergleich zu anderen Parteien auf eine Traumquote von 28 Prozent kamen – wahrlich fern der Fünf-Prozent-Hürde. Ein Trost für die Linkspartei: Genutzt hat es der FDP nicht, dass Lanz deren Politiker so lange aussprechen ließ…

Dass das ZDF ausgerechnet ihn zum Wetten, dass-Moderator kürte, darüber habe ich damals den Kopf geschüttelt. Bis auf die Senderverantwortlichen war allen Zuschauern klar, dass Lanz jeglicher Humor abgeht und er als Nachfolger des super-schlagfertigen Thomas Gottschalk denkbar ungeeignet ist.

Als Talkshow-Gastgeber muss er hingegen kein Humorbolzen sein. Was ihn mir aber besonders unsympathisch macht, ist seine beifallheischende Neigung. Er sagt vor allem das, was seiner Meinung nach ankommt, nicht weil er davon überzeugt ist. Mit dieser Fähnchen-nach-dem-Wind-Taktik lässt er das vermissen, was leider vielen im Medien- und Politik-Zirkus fehlt und was die Beliebtheitswerte von Helmut Schmidt nach oben getrieben hat: Haltung.

Wer kennt den mächtigsten Finanzboss der Welt?

Kennen Sie Laurence Fink? Nein? Das sollten Sie aber! Er ist nämlich der Chef und Mitgründer von Blackrock, dem größten Vermögensverwalter der Welt. Sein Finanzimperium verwaltet vier Billionen Dollar. Das entspricht dem zehnfachen Bundeshaushalt. Blackrock ist größer als die Deutsche Bank, Goldman Sachs und JP Morgan zusammen. In der Deutschen Bank und in acht weiteren DAX-Unternehmen hat das Wall Street-Unternehmen als größter Einzelaktionär das Sagen. Seinen Einfluss übt Fink auch bei regelmäßigen Telefonaten mit dem EZB-Präsidenten Mario Draghi und US-Finanzminister Tim Geithner aus. Wie in Deutschland Mitarbeiter von Unternehmen, an denen Heuschrecken wie Blackrock beteiligt sind, und Mieter von Wohnungsbaugesellschaften, in die der Vermögensverwalter investiert hat, den Einfluss von Blackrock & Co. negativ zu spüren bekommen, zeigte die am 13.1. ausgestrahlte sehenswerte SWR-Doku „Geld regiert die Welt“. Näher dazu Focus Online: Dieser Schattenmann regiert mit vier Billionen Dollar die ganze Welt

Auch wenn die ARD-Doku erfreulicherweise Licht ins Dunkel der Blackrock-Geschäfte bringt (Fink verweigerte bezeichnenderweise ein Interview), so stimmt es doch bedenklich, dass der Chef des größten Finanzimperiums der Welt in der Öffentlichkeit geradezu unbekannt ist. Auch mir war sein Name nicht geläufig, obwohl ich Wirtschaftsjournalist bin. Die Medien müssen den Heuschrecken auf der Spur bleiben und ihr nicht nur moralisch, sondern auch wirtschaftlich fragwürdiges Wirken immer wieder aufdecken – nicht nur wenn die Finanzkrise am Sieden ist.

Spam von den Tempelrittern

Auch die Tempelritter sind nicht mehr das, was sie einmal waren. Vertraten sie laut Wikipedia einst die Ideale des adligen Rittertums, so nutzen sie heute profanen Spam zur Mitgliederwerbung. Nun, zumindest die Hartnäckigkeit bei ihrem Vorgehen erinnert an die bei der Eroberung des Heiligen Lands, denn ich bekam binnen weniger Wochen drei Spammails von Ralph von Reichenbach, dem Ordensgroßmeister des „Alten Souveränen Templer Ordens“. Ihr jüngster Wortlaut:

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Sehr geehrter Herr Hottelet,

wenn Sie Tempelritter werden kann sich Ihr ganzes Leben verändern – und zwar in allen Lebensbereichen. Im beruflichen, finanziellen, familiären, körperlichen wie auch seelischen Bereich.

Dazu bedarf es aber Ihres Wollens. Ebenso wie allein der „mechanische“ Ritterschlag allein niemanden zu einem Ritter machen kann, wenn ihm die nötige Gesinnung und das Verständnis der Symbolkraft dieser Handlung fehlt, so kann auch alles Wissen der Welt einen Menschen nicht helfen, wenn er nicht dazu bereit ist, dieses Wissen auch anzuwenden.

Sind Sie bereit? Dann melden Sie sich noch heute HIER für eine zweimonatige Testmitgliedschaft an! Wir freuen uns wieder von Ihnen zu hören.

M.r.G.u.H.
Ralph von Reichenbach
(Der Ordensgroßmeister)

Die Grußformel bedeutet übrigens „Mit ritterlichem Gruße und Handschlag“, wie ich in den Kommentaren zur Kolumne des ebenfalls zum potenziellen Tempelritter erkorenen Hans Rauscher gelernt habe. Wer sich für weitere „Brennende Fragen, die auf Antwort warten“ im Zusammenhang mit dem Templerorden interessiert, kann sich hier näher einlesen. Eine Kostprobe: Liegt der Schatz der Templer in Kanada? Wer finanzierte die Säulen der Erde? Und last but not least: Wer kontrolliert die Bank of England?

Print lebt – mehr denn je

Totgesagte leben länger. Wie oft wurde in den vergangenen Jahren prophezeit, die Printmedien seien eine aussterbende Gattung, die Zukunft gehöre einzig und allein dem Internet. Die Zeitschriftenleser wollen offenbar nicht auf die Vorhersagen hören, denn 2013 gab es mit 100 neuen Periodika nicht nur einen Rekord an Titelgründungen, sondern mit über 1600 Wochenzeitungen, Zeitschriften und Magazinen auch über 50 Prozent mehr als vor 15 Jahren. Diese Zahlen nannte der Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ), Stephan Scherzer.

Tatsächlich ist der Abgesang auf „alte“ Medien nicht neu. Schon bei der Erfindung des Radios sagten so manche voraus, das bedeute den Tod der Tageszeitung. Als das Fernsehen aufkam, wurde das Sterbeglöcklein für das Radio geläutet. Nichts davon ist eingetreten. Die unterschiedlichen Medien konkurrieren untereinander, aber ergänzen sich gleichzeitig. Jedes hat seine spezifischen Stärken und Schwächen. Den Nutzen haben die Leser/Zuhörer/Zuschauer, denn sie können je nach Gusto aus der breiten Palette wählen. Eine Medienlandschaft ohne Druckerzeugnisse wird sich ebenso als Fehlprognose herausstellen wie das papierlose Büro.