BILD: Früher pfui, heute hui

Wie sich die Zeiten ändern. War es in der Vergangenheit zumindest unter seriösen Journalisten geradezu verpönt, bei der BILD-Zeitung zu arbeiten, ist sie heute zu einem Karrieresprungbrett in die Chefetagen avanciert. Erst bestellte der neue Spiegel- und Ex-DPA-Chefredakteur Wolfgang Büchner den Leiter des BILD-Hauptstadtbüros, Nikolaus Blome, zum Berliner Büroleiter des Magazins (von der Ernennung zu seinem Stellvertreter sah er erst nach heftigen Protesten der Redaktion ab). Dann folgte Büchner in der Nachrichtenagentur ein anderer BILD-Mann nach: Sven Gösmann, Chefredakteur der Rheinischen Post und zuvor stellvertretender Chefredakteur bei der BILD.

Wie groß die Macht des führenden Boulevardblatts in der Branche geworden ist, konnte man bereits in der Wulff-Affäre sehen. Der Kampagne der BILD schlossen sich damals die meisten Medien an. So konnte sie zeigen, dass sie selbst ein Staatsoberhaupt aus dem Amt schreiben kann, wenn es nicht mehr kooperationsbereit ist. Dass Wulff sich vor und während der Affäre falsch verhalten hat, ändert nichts daran, dass hier ein Exempel statuiert wurde.

Im Gespräch mit Kollegen konnte ich in den letzten Jahren oft feststellen, wie sehr viele inzwischen die BILD bewundern, sei es wegen ihrer Themensetzung, der zünftigen Überschriften oder der hochgradigen Vernetzung im Berliner Politbetrieb. Sie ermöglicht es der Zeitung, im hart umkämpften Nachrichtengeschäft oft die Nase vorn zu haben und Exklusiv-Geschichten zu veröffentlichen, die zum Tagesgespräch werden. Beides sind zwar Leistungen, denen Respekt gebührt, aber die Schattenseiten des Boulevardjournalismus aus dem Springer-Verlag werden zu wenig beachtet, auch wenn der BILD-Blog seit Jahren über die zahllosen Falschmeldungen und Verdrehungen minutiös berichtet.

Hans Leyendecker und zwei seiner Kollegen von der Süddeutschen Zeitung, die im vergangenen Jahr die Auszeichnung mit dem Henri-Nannen-Preis abgelehnt hatten, weil die Jury auch zwei BILD-Journalisten den Preis zuerkannte, bilden mit ihrer Haltung mittlerweile die Ausnahme in der Medienzunft.

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