Dürftige Zwischenbilanz der deutschen Huffington Post

Vor über vier Wochen ist die deutsche Ausgabe der Huffington Post mit viel Brimborium an den Start gegangen. Angesichts des großen Erfolgs der amerikanischen Mutter erwarteten manche Auguren des Online-Journalismus ähnlich Bahnbrechendes für die hiesige Medienlandschaft. Vergessen wurde dabei oft, warum die Huffington Post in den USA so stark punkten konnte. Sie füllte nämlich im linksliberalen Spektrum eine Lücke, die insbesondere die New York Times aufgetan hatte. Das Flagschiff der US-Zeitungsflotte hatte vor und während des Irak-Kriegs zu lange vor der Bush-Regierung gekuscht, was sie im Nachhinein selbstkritisch bedauerte. Doch da waren viele Leser schon zur HuffPo und vielen Blogs abgewandert.

Mehr als ein Monat nach dem Start lud der Journalistenverband Berlin-Brandenburg nun den Herausgeber der deutschen Huffington Post, Cherno Jobatey, als Gast auf seine jährliche Mitgliederversammlung. Jobatey, bekannt geworden als ZDF- und ARD-Moderator, präsentierte in einem Vortrag Arianna Huffingtons deutsches Baby (so nennt sie die Ausgaben ihrer Plattform außerhalb der USA) und betonte, wie sehr sie mit ihrem Konzept die Zukunft des Journalismus verstanden hätte – ganz im Gegensatz zu vielen rückwärts gewandt denkenden Journalisten und ihres Verbands. Er redete viel über die hippe Arbeitskultur in amerikanischen Großraumbüros, über die schönen Seiten des Zeitdrucks im Online-Journalismus und wie wichtig Suchmaschinenoptimierung ist und sein sollte. Mir drängte sich dabei die unwesentliche Frage auf, welche journalistischen Leistungen im Sinne von Rechercheergebnissen denn die deutsche Huffington Post vorzuweisen habe und fragte Jobatey danach. Seine Antwort: Die Vermutung, dass Frank-Walter Steinmeier wieder Außenminister der großen Koalition würde, wäre nach der Wahl nur von der HuffPo geäußert worden. Wenn nach über einem Monat ein 15-köpfiges Redaktionsteam laut der Darstellung ihres Herausgebers nicht mehr herausgefunden hat, was nicht schon auf anderen Medien-Sites stand, ist das reichlich dürftig.

Jobatey bekam auf der Versammlung viele kritische Fragen von den Journalisten zu hören. Das war kaum verwunderlich, denn die Tatsache, dass die Huffington Post auch freien Journalisten für ihre Beiträge kein Honorar bezahlt, hatte in der Branche für breite Ablehnung gesorgt. Pointiert gesagt: Im Manchester-Kapitalismus wurden im Unterschied zur ach so hippen Arbeitswelt 2.0 zumindest Hungerlöhne gezahlt… Jobatey beteuerte, dass zumindest die Redakteure der in Zusammenarbeit mit der Burda-Tochter Tomorrow Focus betriebenen Plattform nach Zeitungstarif entlohnt würden. Für Arianna Huffington hat sich ihr Geschäftsmodell jedenfalls bezahlt gemacht: Sie verkaufte 2011 ihre HuffPo für 315 Millionen Dollar an AOL und wurde zur Millionärin. Ihre Autoren erhielten keinen Cent davon.

Ein Gedanke zu „Dürftige Zwischenbilanz der deutschen Huffington Post

  1. Sehr interessanter Artikel! In jedem Absatz ein guter Punkt zum Weiterdenken! Dass die Macher glauben, ein großer Name und eine hippe Arbeitswelt reiche aus, um Journalisten die Ausbeutung schmackhaft zu machen, ist einfach nur altbacken.

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