Journalistische Pferdelasagne

Ein Aufschrei ging mal wieder durch deutsche Lande: Pferdefleisch statt Rindfleisch in den Lebensmitteln, ein Skandal! Nun liegt es mir fern, falsche Etikettierungen und miese Betrugsmaschen zu verteidigen, aber der klitzekleine Aspekt, dass eine der wesentlichen Ursachen des veritablen Skandals in unserem Einkaufsverhalten als Verbraucher begründet ist, kam mir in der Debatte zu kurz. Wer allen Ernstes meint, die Tiefkühlware im Supermarkt könne Jahrzehnte lang spottbillig bleiben, bestehe aber aus einwandfreiem Fleisch, am besten noch aus artgerechter Haltung, bindet sich selbst einen Bären auf. Worauf ich hinauswill: Qualität kostet. Punkt, Aus, Ende. Wer nicht bereit ist, dafür zu zahlen, befördert auf kurz oder lang solche Zustände, wie wir sie jetzt in der Lebensmittelbranche zu Recht beklagen und kritisieren.

Im Journalismus verhält es sich genauso, auch wenn die Medienbranche auf den ersten Blick wenig mit dem Fleischhandel zu tun zu haben scheint. Aber auch hier kostet Qualität. Im Internet hat sich bekanntlich eine Gratiskultur breitgemacht, nachdem alle einschlägigen Nachrichtenportale ihre Artikel für umme anbieten. Mit dem seufzend vorgetragenen Mantra der Verleger, Chefredakteure und Experten, das ginge nicht anders und würde vom „Nutzer“ (vom Leser ist heute kaum mehr die Rede) so gefordert, möchte ich mich in diesem Blogpost aus Platzgründen nicht näher auseinandersetzen, sondern auf meinen Artikel „Ohne Bares nichts Wahres“ im Cicero verweisen, der zwar aus dem Jahre 2010 stammt, in seinen Grundaussagen aber immer noch als ziemlich aktuell gelten kann.

Mit den vielfältigen Herausforderungen, denen sich der Journalismus heute gegenüber sieht, werde ich mich in künftigen Beiträgen näher beschäftigen. Für heute will ich es bei einem Denkanstoß belassen. Die Honorare für freie Journalisten bei Tageszeitungen rangieren zwischen 0,15 Euro und 1,40 Euro pro Zeile. Das heißt, für einen mittellangen Artikel von 100 Zeilen erhält man zwischen 15 Euro (kleine Regionalzeitungen) und 140 Euro (überregionale Top-Blätter der Republik), wenn man nicht ein höheres Pauschalhonorar vereinbart hat, was aber oft nicht möglich ist. Falls Sie sich selbst einen Eindruck verschaffen wollen, hier zwei einschlägige Links: http://www.journalismus.com/job/honorare/print.php und http://www.mediafon.net/empfehlungen_honorare_text.php3?view=&si=512e2e2cbc6fe&lang=1
Für die Recherche und das Schreiben eines Artikels benötigt man mehrere Stunden. Der Zeitaufwand hängt von der Komplexität des Themas, dem Vorwissen des Autors, der Zahl der Gesprächspartner und vielem anderem ab. Dass bei solchen Stundensätzen – online unterscheiden sie sich oft kaum von den Tageszeitungen – dennoch oft Qualitätsjournalismus geboten wird und das sowohl von den überregionalen Zeitungen als auch von den Lokalzeitungen, gehört zu den Wundern der Medienwelt und liegt nicht zuletzt in der Selbstausbeutungsbereitschaft freier Journalisten begründet, die in ihren Artikeln skurrilerweise gerne gelegentlich die Ausbeutung in anderen Branchen anprangern. Die Profitabilitätspalette der Kunden, also der Tageszeitungen, auf der anderen Seite ist sehr breit und reicht von roten Zahlen bis zu Umsatzrenditen von 20 Prozent.

Sollten Sie sich wundern, dass Sie künftig immer mehr mit journalistischer Pferdelasagne statt mit Qualitätsjournalismus verköstigt werden, indem man Sie z.B. mit umgeschriebenen Pressemitteilungen von Unternehmen und Verbänden statt mit eigenrecherchierten, zumindest einigermaßen um Objektivität bemühten Artikeln abspeist, denken Sie mal darüber nach, ob die billigen oder gratis erhältlichen Medien langfristig wirklich in Ihrem Interesse sind.

An Ihren Kommentaren und Ihrer Kritik bin ich stets interessiert. Kleiner technischer Hinweis: Klicken Sie dafür auf die Sprechblase rechts neben der Überschrift. Denn nur ein intelligenter Diskurs mit unterschiedlichen Meinungen bringt uns weiter. Unsere Gesellschaft und Wirtschaft sind auf gute Informationen und kluge Analysen in den Medien zwingend angewiesen. Heute mehr denn je.

Dieser Beitrag wurde nach Absprache auch im Blog charly & friends des Kollegen Karlheinz Stannies veröffentlicht, den ich in meiner Aktivistenzeit im DJV kennen und schätzen gelernt habe.

2 Gedanken zu „Journalistische Pferdelasagne

  1. Hinzuzufügen bleibt nur, dass schlechter Journalismus einem mehr auf den Magen schlagen kann als minderwertige Lebensmittel. Danke für den guten Blog!

  2. Journalisten jammern gerne und laut über ihre Situation. Komischerweise sind die meisten Freien insgesamt sehr zufrieden. Und festangestellte Redakteure bekommen immer noch Gehälter, von denen viele andere Deutsche mit gleichem Abschluss weit entfernt sind. Im Öffentlichen Dienst ist die Einstiegsbezahlung für Akademiker heute oft die Entgeltstufe 9 mit rund 2.600 Euro brutto, da verdient manch fester Redakteur locker 1.000 Euro mehr. Für einen weitaus aufregenderen Job.

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