Mindestlöhne bleiben Makulatur ohne staatliche Kontrolle

In wenigen Tagen werden sich Union und SPD voraussichtlich auf einen Koalitionsvertrag einigen. Wichtiger Bestandteil wird der Mindestlohn von 8,50 Euro sein, für dessen gesetzliche Einführung die SPD in den Wahlkampf gezogen ist. Die Union hat diese Forderung bisher mit der Begründung abgelehnt, es wäre besser, wenn sich die Politik aus der Lohnfindung heraushalte und sie den Tarifparteien überließe, die den Mindestlohn für ihre jeweilige Branche und Region aushandeln könnten. Befürworter und Gegner eines einheitlichen Mindestlohns zitierten in der Debatte fleißig aus diversen Studien zu eventuell drohenden Arbeitsplatzverlusten. Die Untersuchungen kamen zu gegensätzlichen Ergebnissen, wie so oft je nach Auftraggeber der Studie.

Die Argumentation der Union hat in jedem Fall den kleinen Haken, dass die Tarifparteien nur dann einen angemessenen und fairen Mindestlohn aushandeln, wenn beide Seiten, Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften, einigermaßen gleichstarke Verhandlungspartner sind. Denn sonst droht wie so oft im Leben der Starke den Schwachen über den Tisch zu ziehen. Wie einseitig solch ein Abschluss und seine Umsetzung ausfallen können, illustriert das Beispiel der Vergütungsregeln für hauptberuflich freie Journalisten an Tageszeitungen. Nach jahrelangen, zähen Verhandlungen hatten sich 2010 der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) auf der einen sowie der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) und ver.di auf der anderen Seite auf gemeinsame und verbindliche Vergütungsregeln für freie Journalisten geeinigt. Doch selbst drei Jahre nach ihrem Inkrafttreten halten sich viele Verlage nicht daran, d.h. sie brechen herrschendes Recht. Selbst in einem reichen Bundesland wie Baden-Württemberg ergab kürzlich eine Umfrage unter freien Journalisten, dass die Mehrheit nicht regelgerecht bezahlt wird. Dabei sind die Honorarsätze alles andere als üppig: Zwischen 47 und 165 Cent pro Zeile betragen sie, je nach Textgenre und Auflage der Tageszeitung.

Der Hauptgrund für die weit verbreiteten Rechtsverletzungen dürfte schlicht darin liegen, dass sie kaum Sanktionen nach sich ziehen. Freie Journalisten können zwar ihren Honoraranspruch einklagen, schrecken aber oft aus Angst vor Auftragsentzug davor zurück. Und wo kein Kläger, da kein Richter. An der Kontrolle und Sanktionierung durch Staat und Gesellschaft führt leider kein Weg vorbei, wenn Tarife, Vergütungssätze und Mindestlöhne nicht Makulatur sein sollen.

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Journalistische Pferdelasagne

Ein Aufschrei ging mal wieder durch deutsche Lande: Pferdefleisch statt Rindfleisch in den Lebensmitteln, ein Skandal! Nun liegt es mir fern, falsche Etikettierungen und miese Betrugsmaschen zu verteidigen, aber der klitzekleine Aspekt, dass eine der wesentlichen Ursachen des veritablen Skandals in unserem Einkaufsverhalten als Verbraucher begründet ist, kam mir in der Debatte zu kurz. Wer allen Ernstes meint, die Tiefkühlware im Supermarkt könne Jahrzehnte lang spottbillig bleiben, bestehe aber aus einwandfreiem Fleisch, am besten noch aus artgerechter Haltung, bindet sich selbst einen Bären auf. Worauf ich hinauswill: Qualität kostet. Punkt, Aus, Ende. Wer nicht bereit ist, dafür zu zahlen, befördert auf kurz oder lang solche Zustände, wie wir sie jetzt in der Lebensmittelbranche zu Recht beklagen und kritisieren.

Im Journalismus verhält es sich genauso, auch wenn die Medienbranche auf den ersten Blick wenig mit dem Fleischhandel zu tun zu haben scheint. Aber auch hier kostet Qualität. Im Internet hat sich bekanntlich eine Gratiskultur breitgemacht, nachdem alle einschlägigen Nachrichtenportale ihre Artikel für umme anbieten. Mit dem seufzend vorgetragenen Mantra der Verleger, Chefredakteure und Experten, das ginge nicht anders und würde vom „Nutzer“ (vom Leser ist heute kaum mehr die Rede) so gefordert, möchte ich mich in diesem Blogpost aus Platzgründen nicht näher auseinandersetzen, sondern auf meinen Artikel „Ohne Bares nichts Wahres“ im Cicero verweisen, der zwar aus dem Jahre 2010 stammt, in seinen Grundaussagen aber immer noch als ziemlich aktuell gelten kann.

Mit den vielfältigen Herausforderungen, denen sich der Journalismus heute gegenüber sieht, werde ich mich in künftigen Beiträgen näher beschäftigen. Für heute will ich es bei einem Denkanstoß belassen. Die Honorare für freie Journalisten bei Tageszeitungen rangieren zwischen 0,15 Euro und 1,40 Euro pro Zeile. Das heißt, für einen mittellangen Artikel von 100 Zeilen erhält man zwischen 15 Euro (kleine Regionalzeitungen) und 140 Euro (überregionale Top-Blätter der Republik), wenn man nicht ein höheres Pauschalhonorar vereinbart hat, was aber oft nicht möglich ist. Falls Sie sich selbst einen Eindruck verschaffen wollen, hier zwei einschlägige Links: http://www.journalismus.com/job/honorare/print.php und http://www.mediafon.net/empfehlungen_honorare_text.php3?view=&si=512e2e2cbc6fe&lang=1
Für die Recherche und das Schreiben eines Artikels benötigt man mehrere Stunden. Der Zeitaufwand hängt von der Komplexität des Themas, dem Vorwissen des Autors, der Zahl der Gesprächspartner und vielem anderem ab. Dass bei solchen Stundensätzen – online unterscheiden sie sich oft kaum von den Tageszeitungen – dennoch oft Qualitätsjournalismus geboten wird und das sowohl von den überregionalen Zeitungen als auch von den Lokalzeitungen, gehört zu den Wundern der Medienwelt und liegt nicht zuletzt in der Selbstausbeutungsbereitschaft freier Journalisten begründet, die in ihren Artikeln skurrilerweise gerne gelegentlich die Ausbeutung in anderen Branchen anprangern. Die Profitabilitätspalette der Kunden, also der Tageszeitungen, auf der anderen Seite ist sehr breit und reicht von roten Zahlen bis zu Umsatzrenditen von 20 Prozent.

Sollten Sie sich wundern, dass Sie künftig immer mehr mit journalistischer Pferdelasagne statt mit Qualitätsjournalismus verköstigt werden, indem man Sie z.B. mit umgeschriebenen Pressemitteilungen von Unternehmen und Verbänden statt mit eigenrecherchierten, zumindest einigermaßen um Objektivität bemühten Artikeln abspeist, denken Sie mal darüber nach, ob die billigen oder gratis erhältlichen Medien langfristig wirklich in Ihrem Interesse sind.

An Ihren Kommentaren und Ihrer Kritik bin ich stets interessiert. Kleiner technischer Hinweis: Klicken Sie dafür auf die Sprechblase rechts neben der Überschrift. Denn nur ein intelligenter Diskurs mit unterschiedlichen Meinungen bringt uns weiter. Unsere Gesellschaft und Wirtschaft sind auf gute Informationen und kluge Analysen in den Medien zwingend angewiesen. Heute mehr denn je.

Dieser Beitrag wurde nach Absprache auch im Blog charly & friends des Kollegen Karlheinz Stannies veröffentlicht, den ich in meiner Aktivistenzeit im DJV kennen und schätzen gelernt habe.