„Deutschland“ politically not correct?

Seit langem ärgert mich als Fernsehzuschauer und Radiohörer eine immer populärer werdende Formulierung im Polit-Sprech und die dahinter steckende Denke, so dass ich die Aufmerksamkeit der geschätzten Leserschaft meines kleinen Blogs darauf lenken möchte. Gemeint ist die prinzipielle Ersetzung der schlichten Worte „in Deutschland“ durch „in diesem Land“. Man mag einwenden: „Na und?“ Die unscheinbar anmutende Formulierung ist aber kein Zufall, denke ich. Nach meiner Wahrnehmung hat die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth vor Jahren damit begonnen, grundsätzlich in ihren vielen wortreichen, aber oft inhaltsarmen Interviews und Statements zu gefühlt allen Themen unter der Sonne „in diesem Land“ zu sagen, wenn sie von Deutschland spricht. Nun werden viele den Grünen nicht nahestehende Leser sagen: „Typisch Claudia Roth, kein Wunder“. Mittlerweile hat sich die Phrase unter Spitzenpolitikern aber so etabliert, dass selbst Unionspolitiker mit der Bundeskanzlerin an der Spitze überwiegend von „diesem Land“ sprechen, wenn sie Deutschland meinen. Liebe Frau Roth, liebe Frau Bundeskanzlerin, um die Dinge bloggerecht auf den Punkt zu bringen: Wer „Deutschland“ in den Mund nimmt, ist noch lange kein Fascho. Ein Blick auf den eigenen Personalausweis oder die Landkarte hilft: (Bundesrepublik) Deutschland steht da geschrieben. Warum also sich verquast um dieses Wort herumdrücken? Würden wir bei einem Politiker aus Ecuador vermuten, wenn er „in Ecuador“ sagt, er stehe wahrscheinlich dem nationalistischen Lager nahe? Welch ein Unsinn!

Eigentlich hatte ich gehofft, mit dem Sommermärchen der WM 2006 hätte endlich ein weniger verkrampftes Verhältnis zum eigenen Volk und Land Einzug gehalten. Die Denke, dass jeder Deutschlandfahnen schwenkende Fußballfan ein verkappter Rechtsradikaler ist, stammt doch aus den 70ern und 80ern, eventuell auch noch früher, ist also Jahrzehnte alt. Wann verstehen wir endlich, dass man sowohl als Fan eine Fahne schwenken und – ob Fan oder nicht – „Deutschland“ sagen darf, ohne sich dem Verdacht auszusetzen, die Nazibarbarei verharmlosen zu wollen? Diese verquere Einstellung ist im Kampf gegen den Rechtsextremismus kontraproduktiv und geschichtsvergessen. Die Revolutionäre von 1848, deren Verfassung ein Vorläufer unseres Grundgesetzes ist, würden sich bedanken, wenn sie wüssten, dass sie mit ihrem Streben nach einem einigen Deutschland von führenden Politikern heute quasi in die rechtsnationale Ecke gedrängt werden. Dass unsere Volksvertreter das nicht bewusst wollen, darüber bin ich mir im Klaren.

Zum gefälligen Schluss meiner Mini-Philippika möchte ich auf die erste Strophe von Bert Brechts Kinderhymne von 1950 verweisen:
„Anmut sparet nicht noch Mühe,
Leidenschaft nicht noch Verstand,
daß ein gutes Deutschland blühe,
wie ein andres gutes Land.“
Brecht wurde in Augsburg geboren wie ich. Die wunderschöne Stadt ist übrigens der Wahlkreis von Claudia Roth. Auch das Studium des wiedervereinigungsbeseelten, Deutschland-lastigen Textes der DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“ von 1949 sei jedem empfohlen. Ihr Verfasser Johannes R. Becher musste wie Brecht vor den Nazis ins Exil flüchten. Bezeichnenderweise wurde der Text seit den 70ern bei offiziellen Anlässen nicht mehr gesungen. „Deutschland“ kam und kommt offenbar deutschen Politikern „in diesem Land“ nur schwer über die Lippen.

2 Gedanken zu „„Deutschland“ politically not correct?

  1. Das Wort „Deutschland“ ist selbstverständlich nicht politically incorrect und ich denke, dass es kindisch wäre, das Wort mit Absicht auszusparen. Doch es ist genauso kindisch sich darüber zu beschweren, dass Frau Claudia Roth dieses Wort in Interviews nicht benutzt.
    Hinter dem Geplänkel über die Sprache steckt aber natürlich ein tieferer Hintergrund. Inwiefern ist Patriotismus/Nationalismus gut oder böse. Ideengeschichtlich muss man sagen, dass das was wir als Nationalismus bezeichnen ein zweischneidiges Schwert ist. Während nationalistische Strömungen im 18. und 19. Jahrhundert in Europa die Nationen geeint, und Könige und Fürsten beseitigt haben, führten sie im später zu den vermutlich zerstörerischsten Kriegen, die es auf der Welt je gegeben hat.
    Doch auch wie auch das (Straf-)recht im alten Testament einst extrem fortschrittlich war (Rechtssicherheit/Verbot von Menschenopfern), hat die Idee des Nationalismus in ihrer Geschichte eine Entwicklung durchgemacht. Ist heute alttestamentarische Rechtsprechung allgemein für ihren grausamen und unfairen Charakter bekannt (Auge um Auge, etc.), so ist das nationalistische Gedankengut, welches zu fortschrittlichen Änderungen führte, heutzutage eigentlich obsolet, da keine Völker mehr geeint und keine Unterdrücker beseitigt werden müssen und im Allgemeinen eher schädlich, da es zu einer „feindlichen“ Einstellung gegenüber anderen Nationen führt. Wer heutzutage eine Deutschlandflagge bei einem Fußballspiel schwenkt wird schon lange nicht mehr als Nazi abgestempelt, doch wer mir heute „Deutschland, Deutschland über alles“ vorsingt, den halte ich zu Recht für jemanden, der sich mit der Vergangenheit nicht richtig auseinandergesetzt hat.
    Natürlich hat Deutschland dennoch ein ganz anderes Verhältnis zu seiner Geschichte und seiner Nationalität als andere Staaten. Dennoch halte ich das nicht für schädlich oder änderungsbedürftig, sondern eher für modern. Nationalismus ist eine Idee der Vergangenheit und muss in Zeiten der Globalisierung, in denen Volk und Staat sowieso nicht übereinstimmen können, unumgänglich zu Konflikten führen.

  2. Da sind wir uns völlig einig. Danke für Ihren klugen und ausführlichen Kommentar! Ich bin mir im Klaren, dass viele Leser sich gewundert haben, dass ich die kurze Formulierung von Frau Roth und anderen zu einem Blogpost aufblase. Aber mir ging es um die dahinter stehende Denke, die gut gemeint, aber falsch ist, und ich habe versucht, das aufzuzeigen. Eine weniger verquaste, sich aber der historischen Verantwortung durchaus bewusste Einstellung zu UNSEREM Land halte ich im Kampf gegen den Faschismus jedenfalls für wesentlich effektiver als die gefühlt 1000. Verleihung eines Toleranzpreises an Iris Berben (die ich als Mensch und Schauspielerin durchaus schätze) durch die Polit- und Kultureliten. Da fehlt nämlich die Breitenwirksamkeit so gut wie völlig.

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