Brauchen wir Doktorarbeiten? (Teil 2)

Eigentlich wollte ich zum Plagiatsthema bei meinen Einlassungen zum Sinn von Doktorarbeiten und -titeln (Teil 1) nichts schreiben. Denn seit der Guttenberg-Affäre und auch in der aktuellen Schavan-Debatte wurde darüber schon so viel Kluges und Nachdenkenswertes geschrieben, dass ich nur darauf verweisen kann. Doch kommt mir in der Aufgeregtheit über Ministerrücktritte ein Aspekt zu kurz, den ich hier nachtragen möchte. Landauf landab zittern wahrscheinlich Tausende von promovierten Zeitgenossen davor, dass irgendjemand im Internet anfängt, ihre Doktorarbeit auf Plagiate zu durchforschen. So manch einer putzt sich innerlich die Stirn ab, dass er weder Politiker noch prominent ist und so wohl nicht ins Visier von Vroniplag & Co. kommt, wobei die Plattform inzwischen auch Nicht-Prominenten auf die Finger schaut. Schließlich kann durchaus die Karriere vom begehrten Doktortitel abhängen. Wer wollte die gefährden, indem er sich öffentlich aus der Deckung wagt, weil er z.B. ein politisches Amt anstrebt. Wenn es dumm läuft, ist das Amt weg und der Schaden auch für die Karriere außerhalb der Politik da. Also lieber ruhig verhalten und die olle Doktorarbeit möglichst wenig thematisieren, mag sich mancher denken. Zudem dürfte es Jahre später oft schwierig sein, sich bei Hunderten von Fußnoten noch genau an die eigene Zitierpraxis zu erinnern. All das zeigt aber doch, dass das Promotionssystem reformiert werden sollte, siehe Teil 1 meiner Ausführungen. Das wäre wichtiger als die tagesaktuell oft überhitzte Aufgeregtheit um Ministerrücktritte. Ich warte schon auf den ersten Schavan-Live-Ticker, wenn es den nicht schon gibt…

Großartiger Artikel zur kuriosen deutschen Titelsucht in der New York Times: http://www.nytimes.com/2013/02/10/world/europe/german-education-chief-quits-in-scandal-reflecting-fascination-with-titles.html?pagewanted=1&_r=0&hp

Update, Spam-Mail vom 27.2.: Guten Tag Kundennr. 260490,
möcten Sie in wenigen Tagen Dr. h.c. Kundennr. 260490 heissen? Endlich ist es soweit, sichern Sie sich jetzt Ihren Titel, und werden Sie zum V.I.P. In nur wenigen Tagen werden Sie zum Doktor ernannt und düfen die Bezeichnung zzgl. zu Ihrem Namen führen.
Nur noch kurze Zeit möglich:
(Webadresse entfernt)

Mit freundlichen Grüssen,
Ihr Doktortitel-Team

Ein Gedanke zu „Brauchen wir Doktorarbeiten? (Teil 2)

  1. Danke für den Link zur NYT, manchmal hilft ein Blick aus größerer Distanz zur richtigen Einordnung einer Problematik. Ein akademischer Titel darf einfach nicht länger Namensbestandteil sein, dann würde diese unangenehme Rennomiersucht von ganz alleine zurück gehen.

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