Brauchen wir Doktorarbeiten? (Teil 1)

Der Wirbel um Frau Schavans Doktorarbeit, über die inzwischen wohl alles pro und contra gesagt ist, sollte den Blick auf die grundsätzliche Problematik des Werts und Sinns von Promotionen und dem Doktortitel lenken. Einige persönliche Worte dazu: Als Jura-Student der Uni Augsburg war ich zur Anfertigung von mehreren Hausarbeiten (das sind Gutachten zu Fällen, anhand derer u.a. juristische Meinungsstreits erörtert werden müssen) mehr oder minder gezwungen, mich mit rechtswissenschaftlichen Doktorarbeiten auseinander zu setzen. Ich ärgerte mich damals oft über die schwer lesbaren und kaum verständlichen Abhandlungen, die noch dazu hyperspezialisierte Aspekte über teilweise Hunderte von Seiten ausbreiteten: Masse statt Klasse. Als typischer Fall in Erinnerung geblieben ist mir eine Strafrechtsarbeit, in der ein einzelnes Tatbestandsmerkmal eines Paragrafen (ich weiß nicht mehr welches) rechtsvergleichend zwischen dem griechischen und dem deutschen Strafrecht diskutiert wurde. Und dafür gab es den Doktorgrad. Im Ernst: Wer braucht solch eine Studie? Niemand, nicht in Griechenland, nicht in Deutschland und erst recht nicht im Rest der Welt. Auch germanistische Doktorarbeiten, die in einem Deutsch abgefasst sind, dass einem die Haare zu Berge stehen, möchte ich hier anführen. Meines Erachtens schlummert eine Heerzahl von Promotionsschriften, die allenfalls vom Assistenten des Doktorvaters als einzigem Leser je quergelesen wurden, in den Regalen deutscher Hochschulbibliotheken. Selbst der die Promotion betreuende Professor will sich das nicht antun, sie genau zu studieren, auch wenn er dazu verpflichtet ist. So manch einer von ihnen schreibt in der Zeit lieber lukrative Gutachten für Kunden aus der Wirtschaft oder anderen Bereichen.

Ich bin mir darüber im Klaren, dass ich hier zuspitze, nicht jedem Gegenargument gerecht werden kann und ein solch komplexes Thema in einem Blogeintrag nicht annähernd erschöpfend zu behandeln ist. Dennoch sollte sich die Wissenschaft und Gesellschaft einmal grundsätzlich damit beschäftigen, ob das traditionelle Promotionsmodell in den Rechts-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften wirklich so bleiben sollte. Seine Anhänger argumentieren in der Regel mit dem Humboldtschen Bildungsideal und der Freiheit von Forschung und Wissenschaft. Dafür mag es viele gute Argumente geben. Doch hinter den hehren Losungen stecken oft klare wirtschaftliche Interessen, insbesondere in der vom traditionellen System profitierenden Professorenschaft. Ein wesentlicher Punkt der nötigen Reform sollte die wissenschaftliche Relevanz des Themas sein. Hierbei ist zu hinterfragen, ob es wirklich gesellschaftlich sinnvoll ist, dass Promovierende oft Jahre mit dem Forschen und Schreiben ihrer Arbeiten verbringen, ohne dass am Ende der Mühen ein Ergebnis steht, das die Wissenschaft oder die Gesellschaft in irgendeiner Weise weiterbringt. Dabei muss berücksichtigt werden, dass dieser ganze Prozess sehr viel Geld kostet. Denn ein Teil der Ausgaben für die Gehälter von Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern, für den Betrieb von Bibliotheken und der universitären Infrastruktur wird auch für Promotionen aufgewendet. Auch Nicht-Akademiker haben aber das Recht darauf, dass ihre mühsam ersparten Steuergroschen vernünftig und für Zwecke ausgegeben werden, die der gesamten Gesellschaft dienen. Nur intelligenten jungen Menschen den Doktorhut zu verleihen, damit sie besser Karriere machen können, ist kein hinreichender Grund dafür, dass das System so bleibt wie es ist.

Brauchen wir Doktorarbeiten? (Teil 2)

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